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Chronik#3 : Die Balkanroute

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Wieder treffen wir den Bildhauer Frank Bölter, dessen Name gerade erst in der Chronik #1 auftauchte. Der unbedeutende Werkstoff Karton wird zunehmend für Kreationen im öffentlichen Raum eingesetzt. Das ist kein Zufall…

„Eine Schachtel herzustellen ist an sich keine Kunst (wenn man eine benötigt, braucht man dazu weniger als eine Stunde). Sich hingegen einen Karton auf den Kopf zu setzen und der Schachtelmann werden, erfordert viel Mut.“ Als Kôbô Abé 1973 seinen Roman „Der Schachtelmann“ veröffentlicht, ist das Thema Obdachlosigkeit in der japanischen Gesellschaft bereits ein großes Thema. Doch der Romanautor, lange Zeit Mitglied der kommunistischen Partei, erforscht hier weniger die soziale Dimension der Ausgrenzung als den psychologischen Aspekt. Was sind die Gründe für ein Leben am Rande der Gesellschaft? Welche Motivation treibt einen Menschen an, in der Ausgrenzung und von der Welt abgeschnitten zu verbleiben? Der bittere Roman „Der Schachtelmann“ ist schwere Kost und gefällt nicht dank der Offensichtlichkeit seiner Metapher wie „Die Frau in den Dünen“ (1962). Aber er verleiht der Freiheit eine Stimme, der Fremdheit und auch einer gewissen Art der Verrücktheit.

„Es geht jetzt darum, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge aus ihren Auffanglagern herauskommen“ Franck Bölter

Ebenfalls aus Japan stammt der Architekt Shigeru Ban. Seit zwanzig Jahren, seit dem Erdbeben von Kōbe 1995, schießen seine Konstruktionen aus Hartkartonröhren (Paper Log Houses) in Katastrophengebieten wie in der Türkei oder auf Haïti wie Pilze aus dem Boden. Der Unterschied zu den Jahren des „Schachtelmannes“ besteht darin, dass der Einsatz des Materials Karton heute im großen Stil erfolgt. Es kostete die Romanfigur von Kôbô Abé weniger als eine Stunde, ihren illusorischen Schutz anzulegen. Die NRO Better Shelter benötigt sechs Stunden, um ihre Bausätze für Notunterkünfte auf den griechischen Inseln Kos oder Lesbos zu montieren… Auf diesem Gebiet hat Shigeru Ban den Weg geebnet. Er ist Berater des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge und erzielt nicht nur Fortschritte im Bereich der Katastrophenhilfe, sondern auch ihm Rahmen kultureller Einrichtungen (Expo 2000 in Hannover, die „Cardboard Cathedral“ in Christchurch, Neuseeland). Für seinen Wunsch, die „soziale Rolle des Architekten“ zu fördern, wurde ihm 2014 der renommierte Pritzker Prize verliehen.


Worin spiegelt sich nun also der künstlerische Ausdruck? Mit seinem „Refugee Origami Camp“ (Festival Signal im September 2014 in Brüssel, Europäisches Straßentheaterfestival im Mai 2016 in Detmold) bringt der Bildhauer Frank Bölter Verpackungen (Tetrapak-Milchkartons) mitten in die Stadt. In erster Linie in Form eines temporären Dorfes. Allein die Ausstellung dieser Notunterkünfte inmitten des öffentlichen Raumes kommt einem Manifest gleich. „Die ‚Häuser‘ vertragen Regen und halten auch Sturm stand, aber sie sinken unter ihrem eigenen Gewicht ein“, so der Bildhauer. Nachdem die anliegenden Bewohner sich beschwert hatten, wurde das Brüsseler „Camp“ nach einigen Tagen geschlossen und die mit Graffiti besprühten „Häuser“ in den Fluss geworfen, um zu zeigen, welchen Platz man in Europa den Flüchtlingen zugesteht…

Ganz anders erscheint da das vorübergehende Lager in Detmold auf einer ehemaligen Militärbasis mitten in Deutschland. „Es geht jetzt darum, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge aus ihren Auffanglagern herauskommen“, erklärt Frank Bölter. „Es gibt aber keinen richtigen Plan oder kein richtiges Programm, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Also habe ich beschlossen, bildhaft einen Vorschlag zu unterbreiten und meine Notunterkünfte in Originalgröße ins Zentrum der Stadt zu bringen. Die Einwohner haben reagiert und gespendet: Fahrräder, Gewürze, einen Brotofen… Ein Vorgeschmack auf die Gesellschaft von morgen.“