Your are in :

Blog

Wem gehören die mauern?

by

text description
Face2Face © JR

Ephemere Kunst für einen gemeinsamen öffentlichen Raum

Riesige Porträts von Palästinenser und Israelis, die den gleichen Beruf ausüben, wurden auf beiden Seiten der Trennmauer geklebt. Durch das kühne Projekt Face2Face wurden die Autoren JR und Marco berühmt. Seitdem sorgen die beiden mit ihrer Straßenkunst für Überraschungseffekte im gewohnten Stadtbild. 

Der Straßenkünstler unterhält ein ambivalentes Verhältnis mit dem öffentlichen Raum, da er für einen Tag oder für immer von einem Raum Besitz ergreift, der ihm nicht gehört.
Als ich mit dem Sprühen begann, wollte ich eine Spur hinterlassen. Ich ging an den Orten vorbei, die ich schon besprüht hatte und amüsierte mich damit, meine Tags wieder zu finden.

Mein Ansatz hat sich im Laufe einer Europatour der Straßenkunst gewandelt. Ich habe hervorragende Tagger kennengelernt, die riesige Projekte ausführten, und habe verstanden, dass ich statt Tags Plakate machen musste. Ich wollte lieber Menschendarstellen, als Einzelwerke zu verwirklichen. Ich wollte auch Erinnerungen und keine unauslöschlichen Spuren auf den Mauern hinterlassen.
Ein Plakat auf einer Mauer lebt. Es kommt mit dem Material in Berührung. Klebstoff, Papier, Schweiß. Man kann sich das Plakat einen Monat später wieder anschauen. Vielleicht ist es noch intakt, vielleicht hat jemand einem Porträt eine rote Nase hinzugefügt, vielleicht wurde es voller Poetik oder Agression zerrissen. Ein Plakat ist vergänglich. Es ist täglich der Reaktion des „Publikums“ ausgesetzt, das es nach Gutdünken zerreißen, abdecken, verwandeln kann. Manchmal tun der Wind und Regen das Ihre und verwandeln ein Porträt in ein Konfettibild an einer Mauer, in dem man noch ein Auge oder ein Ohr oder gar nichts mehr ausmachen kann...

text description

Face2Face © JR

Der öffentliche Raum gehört denen, die ihn erleben

Hier stellt sich die Frage nach dem Eigentumsrecht. Natürlich beklebe ich Wände, die mir nicht gehören. Und im allgemeinen habe ich keine Genehmigung dazu. Manchmal gehören die Wände, die ich beklebe, nicht wirklich denen, die sie kontrollieren. Dann spitzt sich die Lage zu. Wem gehört die israelische „Sicherheitsbarriere“, die „Trennmauer“, die sich bisweilen auf palästinensischem Boden befindet?Und die Mauern der brasilianischen Favelas, deren Bewohner keine Eigentumsurkunde besitzen ? Und die Mauern der verlassenen Häuser in Afrika?

Der öffentliche Raum gehört denen, die ihn erleben, denen, die nicht regelmäßig ins Museum gehen, sondern an Mauern vorbeigehen, die oftmals nichts zu sagen haben. An jene wende ich mich. Jene möchte ich für sich selbst neu-abbilden. Deswegen dringe ich mit meinem 28 mm Objektiv in ihre Privatsphäre ein. Und diese Menschen fungieren nicht als Motive sondern als Schauspieler, die ich dann an den Wänden präsentiere. Ein Riesenformat, damit das Bild auf sich aufmerksam macht, damit sowohl der Passant das Foto als auch das Foto den Passanten betrachtet, damit der Überraschungseffekt groß ist. Wirkliches Erstaunen wird nicht durch Erstaunliches ausgelöst. Dies wäre nicht erstaunlich. Wirkliches Erstaunen wird dadurch ausgelöst, dass man über etwas, das nichts Erstaunliches an sich hat, wie beispielsweise man selbst, sein Nachbar oder Feind, erstaunt ist. Dazu kann der öffentliche Raum genutzt werden. Überraschungseffekte auslösen, Fragen aufwerfen.

text description

Face2Face © JR

Natürlich darf man vom öffentlichen Raum nur Besitz ergreifen, wenn man etwas zu sagen hat, eine originelle Botschaft zu übermitteln hat. Es muss sich lohnen. Denn die Polizei, die Justiz, die gewählten Volksvertreter oder die Besitzer der Gebäude haben bisweilen eine restriktive Auffassung vom öffentlichen Raum.
Zu meiner Verwunderung kam bei meiner illegalen Ausstellung im Nahen Osten die heftigste Reaktion von Seiten der Eigentümer der beklebten Mauern. Die Erhaltung des Privateigentums ist eine Universalreaktion. Sie kann jedoch überwunden werden, wenn man seinen Ansatz erklärt. Dies führt manchmal zu erstaunlichen Begegnungen, ein Eigentümer kann zu einem Komplizen werden.

Mit den Behörden liegt die Sache anders. Stellen Sie sich vor... Wenn das jeder machen würde? Es ist mir schon passiert, dass ich eine illegale Ausstellung machte, die Behörden die Plakate entfernten (mit einem Hochdruckreiniger natürlich) und die Bevölkerung sich dem widersetzte. In dem Fall wird die unerlaubte Ausstellung in eine offizielle Ausstellung umgewandelt, um das Unzulässige nicht zuzulassen (na klar, wenn das jeder usw.). Die Ordnung wird aufrechterhalten. Die Kunst setzt sich durch.